Ich weiß es doch auch nicht.
Jürgen Nerger – 03. März 2026Notizen aus meinem Paralleluniversum.
Ich habe in den letzten Wochen versucht, die Welt zu verstehen, und bin dabei auf etwas gestoßen, das sich nur noch als kosmisches Durcheinander beschreiben lässt. Eine Art galaktische Presseschau, bei der jeder Stern gleichzeitig explodiert, kommentiert und widerlegt wird, während wir am unteren Rand unseres Newsfeeds darüber abstimmen dürfen, welche Katastrophe uns heute emotional am meisten zusagt.
Es ist nicht so, dass nichts passiert. Es passiert einfach alles.
Ein Krieg beginnt, während ein anderer relativiert wird, während ein dritter analysiert wird, während ein vierter als Ablenkung bezeichnet wird, während ein fünfter bereits zum Meme geronnen ist. Und irgendwo dazwischen erklärt uns ein Thread, dass wir das große Ganze nicht sehen, während ein anderer uns versichert, dass es überhaupt kein großes Ganzes mehr gibt.
Früher nannte man das Unübersichtlichkeit. Heute nennt man es Echtzeit.
Ich stelle mir manchmal vor, das Universum säße in einer Art Redaktionskonferenz, in der jemand vorschlägt, die Ereignisse dieses Planeten für eine Weile etwas linearer zu gestalten, nur damit die Beteiligten eine faire Chance haben, die Zusammenhänge zu erkennen. Woraufhin eine andere kosmische Instanz trocken erwidert, dass Linearität eine romantische Vorstellung aus dem 20. Jahrhundert sei und man sich gefälligst an die Gleichzeitigkeit zu gewöhnen habe.
Wir leben nicht in chaotischen Zeiten.
Wir leben in simultanen. Alles ist verfügbar. Alles ist kommentiert. Alles ist in 17 Tabs geöffnet. Und nichts davon fügt sich zu einem Bild, das länger als eine Push-Nachricht hält.
Das eigentlich Beunruhigende ist nicht, dass Kriege geführt werden, dass Narrative manipuliert werden oder dass Algorithmen entscheiden, was wir sehen. Das Beunruhigende ist, dass wir beginnen, diese Überforderung als Normalzustand zu akzeptieren, als wäre Orientierung ein optionales Feature, das man bei Bedarf dazubuchen kann.
Ich ertappe mich mittlerweile dabei, wie ich durch Nachrichten scrolle wie durch eine Speisekarte, auf der Weltuntergänge in unterschiedlichen Schärfegraden angeboten werden, und frage mich ernsthaft, ob das Problem die Welt ist oder die Art, wie wir versuchen, sie zu konsumieren.
Information war doch mal das Versprechen von Klarheit. Jetzt ist es ein Aggregatzustand.
Sie verdichtet sich, verdampft, kondensiert wieder, bis man nicht mehr weiß, ob man gerade etwas verstanden hat oder nur Teil eines permanenten Aktualisierungsprozesses geworden ist.
In meinem persönlichen Paralleluniversum – das sich wohlgemerkt nur wenige Millimeter neben diesem hier befindet – gibt es eine Behörde für Synchronisationsprobleme. Sie ist zuständig für die Tatsache, dass wir gleichzeitig wissen, was auf drei Kontinenten passiert, aber nicht mehr, was wir davon denken sollen. Sie verteilt kleine Warnhinweise, auf denen steht: „Achtung, dieses Ereignis konkurriert gerade mit fünf weiteren Ereignissen um Ihre emotionale Kapazität.“ Die liest aber natürlich niemand..
Der Zusammenhang zwischen allem liegt nicht in den Ereignissen selbst, sondern in der Geschwindigkeit, mit der sie uns erreichen. Der rote Faden ist kein geopolitischer, sondern ein neuronaler: Unser Gehirn war nie dafür gedacht, die Welt als Dauerlivestream zu verarbeiten, und schon gar nicht mit Kommentarfunktion.
Wir sind informiert wie nie zuvor. Und orientierungslos wie selten.
Und das Universum, so stelle ich es mir jedenfalls vor, schaut auf diesen schnuckeligen Planeten und wundert sich weniger über die Konflikte als über die Tatsache, dass wir glauben, sie alle gleichzeitig begreifen zu müssen.
In der kosmischen Pressestelle, Abteilung Milchstraße, hängt inzwischen ein Organigramm der menschlichen Aufmerksamkeit, das so aussieht wie ein Sternbild aus überlasteten Synapsen. Man hat es „Projekt Gleichzeitigkeit“ genannt. Zuständig ist eine kleine Taskforce aus Astrophysikern und Dramaturgen, die seit Äonen versucht zu verstehen, weshalb diese renitente Spezies unbedingt darauf bestehen muss, jede Eruption sofort in Bedeutung zu übersetzen, jedes Beben in Haltung, jede Schlagzeile in Selbstvergewisserung.
Der Befund ist eindeutig: Die Menschheit hält sich für den Mittelpunkt eines Geschehens, das sie gleichzeitig überblicken und kommentieren möchte, als handele es sich um eine Staffel, deren Plot man zur Not in der Mittagspause zusammenfassen kann.
Dabei expandiert das Universum ja völlig ohne Zusammenfassung.
Sterne kollidieren, ohne sich vorher anzumelden. Galaxien verschieben sich ohne dramaturgische Absprache. Ganze Zivilisationen tauchen auf und wieder ab, ohne dass jemand einen roten Faden einzieht oder eine Triggerwarnung formuliert. Nur wir bestehen penetrant darauf, dass alles Sinn ergeben muss – und zwar sofort.
Im Paralleluniversum nebenan, hat man deshalb eine neue Maßeinheit eingeführt: das „Narrativ pro Sekunde“. Sie misst, wie viele Erklärungsangebote auf ein einziges Ereignis einprasseln, bevor es überhaupt stattgefunden hat. Der aktuelle Rekord liegt bei 43. Man arbeitet an einer App.
Der Zusammenhang zwischen allem, so heißt es dort, sei nicht ideologisch, sondern taktil. Er liege in der Geschwindigkeit, mit der Informationen in unsere Systeme eindringen und dort dieselbe Dringlichkeit beanspruchen wie ein herannahender Meteorit, obwohl sie oft nur ein weiterer Kommentar zu einem Kommentar sind.
Eigentlich logisch, oder?
Unser Nervensystem, das einst auf Rauch am Horizont reagierte, wird nun im Sekundentakt mit Weltgeschichte beschossen. Und wir, tapfer und ehrgeizig, versuchen, aus dieser Dauerbeschallung ein Weltbild zu destillieren, als wäre Orientierung ein Produkt, das man bei ausreichender Datenmenge automatisch geliefert bekommt.
Die kosmische Redaktionskonferenz hat inzwischen einen weiteren Tagesordnungspunkt ergänzt: „Menschheit – Verhältnis von Wissen zu Weisheit“. Auch diese Diskussion verläuft leider unerquicklich. Man stellt fest, dass Wissen exponentiell wächst, während Weisheit sich eher wie ein handgeschriebenes Notizbuch verhält, das man mit sich herumträgt und gelegentlich verliert.
Es gibt den Vorschlag, der Erde eine kleine Verzögerung einzubauen. Eine Art metaphysische Latenz, die verhindert, dass Ereignisse sofort gedeutet werden. Der Antrag scheitert am Widerstand der Abteilung Echtzeit. Man einigt sich stattdessen darauf, die Menschen weiter glauben zu lassen, sie müssten alles gleichzeitig verstehen.
Der Zusammenhang zwischen allem liegt nicht in den Ereignissen. Er liegt in der Gleichzeitigkeit, die wir uns zumuten. In der Annahme, ein einzelnes Gehirn könne das gesamte Spektrum menschlicher Erfahrung in Echtzeit integrieren, ohne sich dabei selbst zu fragmentieren.
In meinem Paralleluniversum hat man deshalb begonnen, die Gleichzeitigkeit als ästhetisches Phänomen zu betrachten. Man spricht von einer Epoche der Überlagerung, in der alles sichtbar ist, aber nichts mehr Tiefe gewinnt, weil Tiefe Zeit braucht und Zeit inzwischen als ineffizient gilt.
Das Universum jedoch kennt keine Effizienz. Es kennt nur Expansion. Es kennt Entstehung und Zerfall, aber ohne Kommentar.
Und während wir weiterhin versuchen, die Totalität der Ereignisse in verständliche Storylines zu pressen, dreht sich dieser Planet weiter, rotiert um eine Sonne (oder war es umgekehrt?), die selbst nur ein Funke in einer unübersichtlichen Galaxie ist, die wiederum Teil eines Gefüges ist, das niemand in einer Timeline darstellen kann.
Wir sind Teil dieser Gleichzeitigkeit, nicht ihre Kuratoren. Wir sind keine Außenstehenden, die das Geschehen in Ruhe analysieren könnten, sondern empfindliche Schnittstellen, an denen sich Welt und Wahrnehmung permanent berühren.
Die eigentliche Zumutung dieser Zeit ist nicht die Vielzahl der Ereignisse, sondern die schlichte Tatsache, dass wir nicht dafür gebaut sind, sie alle gleichzeitig zu tragen.
Und irgendwo, in einer galaktischen Randnotiz, steht nüchtern vermerkt:


