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Fortschritt im Rückwärtsgang

Jürgen Nerger – 08. April 2026

Über eine Welt, die gleichzeitig besser und schlechter wird. Oder eine Gegenwart, die keine Richtung mehr kennt.

„Man versteht die Welt nicht mehr.“

Das ist einer dieser Sätze, die sich erstaunlich gut halten. Er hat Kriege überlebt, Wirtschaftskrisen, das Internet, Social Media, und jetzt auch noch künstliche Intelligenz. Ein Evergreen der Überforderung, zuverlässig wie das Wetter, nur weniger präzise.

Das Problem liegt allerdings nicht darin, dass wir die Welt nicht mehr verstehen. Sondern darin, dass wir sehr lange geglaubt haben, wir hätten es getan.

Es gab einmal die beruhigende Vorstellung, dass sich alles in eine Richtung bewegt. Vorwärts, selbstverständlich. Fortschritt war keine These, sondern eine Gewissheit mit eingebautem Optimismus. Die Zukunft würde besser, klüger, gerechter. Vielleicht nicht sofort, aber unausweichlich. Einfach nur eine Frage der Zeit und nicht des Zweifels.

Heute wirkt diese Erzählung wie ein Möbelstück aus einer anderen Epoche. Schön anzusehen, aber niemand weiß mehr so genau, wo man es hinstellen soll.

Während wir auf der einen Seite ernsthaft darüber diskutieren, wie wir Gleichberechtigung, Diversität und individuelle Freiheit weiter ausbauen, beobachten wir auf der anderen Seite, wie demokratische Strukturen erodieren, autoritäre Systeme an Selbstbewusstsein gewinnen und ein Weltbild zurückkehrt, das man eigentlich schon längst in den Kellern der Geschichte archiviert hatte. Fortschritt und Rückschritt stehen sich dabei nicht gegenüber. Nein, sie treten gemeinsam, Hand in Hand, auf. Wie ein toxisches Pärchen, das sich nicht ausstehen kann, aber perfekt zusammen funktioniert.

Im Gleichschritt entwickeln wir Technologien, die uns in der Theorie von Routinen befreien, während sie uns in der Praxis Entscheidungen abnehmen, die wir vielleicht besser selbst getroffen hätten. Wir optimieren einfach alles. Unsere Kommunikation, unsere Arbeit, unsere Beziehungen. Nur um dann festzustellen, dass sich das Ergebnis nicht zwingend besser anfühlt. Bestenfalls effizienter. Effizienz war aber leider noch nie ein verlässlicher Indikator für Zufriedenheit.

Umwelt und Klima

Auch Umwelt und Klima sind Paradebeispiele für diese neue Form der Gleichzeitigkeit. Wir wissen mehr denn je, handeln aber viel weniger als nötig. Nicht unbedingt aus Ignoranz, sondern zumeist aus einer Art kollektiver Verschiebung. Es gibt einfach immer etwas, das gerade dringender erscheint. Sicherheit zum Beispiel, brandaktuell. Oder Stabilität. Oder Wachstum. Die üblichen Begriffe, die so lange positiv besetzt sind, bis sie plötzlich in Konkurrenz zueinander treten.

Das eigentlich Irritierende an all dem ist nicht die einzelne Entwicklung, sondern die Tatsache, dass sie alle gleichzeitig stattfinden. In einer wahnwitzigen Geschwindigkeit, die es unmöglich macht, sie zwischendurch sauber zu sortieren. Früher konnte man sich zumindest darauf einigen, ob etwas ein Fortschritt oder ein Rückschritt war. Heute ist es meistens beides. Je nach Perspektive, Kontext oder Tagesform.

Das ist dann auch der Grund, warum so viele Menschen das Gefühl haben, die Welt würde sich ihrer Logik entziehen. Nämlich nicht, weil sie irrational geworden ist. Sondern weil sie sich partout nicht mehr in die gewohnten Kategorien pressen lässt.

Unser Denken ist ja erstaunlich konservativ. Es liebt klare Verhältnisse. Ursache und Wirkung. Vorher und nachher. Gut und Böse. Fortschritt und Rückschritt. Das Problem ist leider nur: Die Realität hat sich von dieser Ordnung längst verabschiedet. Und zwar ohne uns vorher zu informieren.

Was wir gerade erleben, ist kein klassischer Rückfall in dunklere Zeiten. Es ist auch kein linearer Fortschritt mit ein paar bedauerlichen Ausnahmen. Es ist eine maximal belastende Überlagerung. Eine Gleichzeitigkeit von Entwicklungen, die sich widersprechen, verstärken und gegenseitig relativieren. Eine Gegenwart, die sich einfach nicht entscheiden will, was sie sein möchte. 

Wie sollen wir uns dann entscheiden?

Die Idee, dass sich Geschichte in eine klare Richtung bewegt, war immer auch eine Vereinfachung. Eine elegante, zugegeben. Sie hat geholfen, Komplexität zu reduzieren und Hoffnung zu organisieren. Aber sie war nie mehr als eine Erzählung. Eine, die wir dringend gebraucht haben, um uns in einer Welt zurechtzufinden, die schon immer widersprüchlich war. Nur eben viel langsamer.

Die Frage ist also nicht, wann und wo wir falsch abgebogen sind. Sondern ob es jemals eine Kreuzung gab. 

Wie sollen wir also mit einer Welt umgehen, die sich nicht mehr entscheiden kann. Die gleichzeitig besser und schlechter wird, klüger und dümmer, offener und enger. Eine Welt, die sich jeder klaren Diagnose entzieht und gerade deshalb so anfällig ist für einfache Antworten.

Ein zeitgemäßer Umgang mit Gegenwart kann wohl nur das bedeuten: Nicht auf die eine richtige Richtung hoffen, sondern die Fähigkeit erwerben, Widersprüche auszuhalten, ohne sie sofort auflösen zu müssen.

Das ist auf jeden Fall weniger bequem. Aber vermutlich viel näher an der Realität.

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