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Am Ende des Ich

Jürgen Nerger – 15. April 2026

Über die leise Rückkehr der Gemeinschaft

Es ist erstaunlich, wie lange sich Ideen halten. Selbst dann noch, wenn sie längst begonnen haben, sich gegen uns zu richten. Die Vorstellung vom selbstbestimmten Individuum gehört zweifellos dazu.

Unabhängigkeit galt als Fortschritt. Selbstverwirklichung als Ziel.

Freiheit als Zustand, der sich daran bemisst, wie wenig man auf andere angewiesen ist. Ein ziemlich überzeugendes Narrativ. Vor allem, solange es funktioniert.

Beziehungen wurden optional, Zugehörigkeiten verhandelbar, Strukturen flexibel und irgendwann auch beliebig. Das Versprechen dahinter: ein Leben, das sich nicht mehr an Vorgaben orientiert, sondern ausschließlich an den eigenen Möglichkeiten. Das klang nicht nur zu gut. Das war lange Zeit auch ziemlich befreiend.

Bis man gemerkt hat, dass mit der Freiheit auch etwas anderes gewachsen ist. Etwas, das nie Teil des Versprechens war.

Druck.

Je stärker sich alles auf das Individuum konzentriert, desto mehr lastet auch genau dort. Entscheidungen. Verantwortung. Orientierung. Alles bündelt sich in einer einzigen Person, die gleichzeitig Subjekt, Projekt und Problemlöser ist. Ein erstaunlich effizientes System. Bis es nicht mehr auszuhalten ist.

Der Moment, in dem es kippt, kommt dabei selten spektakulär. Kein Knall, kein Drama und auch keine große Erkenntnis. Eher so ein leises Verrutschen.

Man wird zum Beispiel müde von Dingen, die früher selbstverständlich waren. Oder Gespräche fühlen sich schneller zu viel an. Entscheidungen ziehen sich, obwohl eigentlich längst alles klar ist. Der Mensch als Komplettlösung. Als dauerhaft laufende Betriebssoftware mit gelegentlichen Updates und immer gleichen Bugs. Man kann das lange durchziehen. Aber irgendwann stellt sich einfach die Frage, die erstaunlich ungern gestellt wird:

Was, wenn das Problem nicht mangelnde Optimierung ist, sondern das Modell selbst?

Während diese Frage langsam in den Verstand sickert, passiert parallel etwas anderes. Ganz Unaufgeregt und fast unbemerkt.

Menschen verbringen wieder mehr Zeit miteinander. Ja, wirklich. Einfach so. Ohne Anlass. Ohne Ziel. Ohne dass jemand sofort versucht, den Mehrwert zu berechnen.

Eine zutiefst verdächtige Entwicklung.

Beziehungen werden enger, ohne dass sie besonders definiert werden müssen. Zusammenarbeit verändert sich, wird weniger funktional, dafür belastbarer. Menschen suchen wieder Anschluss. Und zwar nicht im Sinne von Reichweite oder Netzwerk, sondern im wörtlichen Sinn.

Nähe. Verlässlichkeit. Verbindung.

Huch, klingt geradezu altmodisch. Ist aber plötzlich wieder ziemlich relevant.

Familien entstehen neu, jenseits biologischer Logik. Freundschaften werden wieder tragend, nicht nur unterhaltend. Arbeitskontexte entwickeln etwas, das man lange für ineffizient hielt: Bindung.

Wahlverwandtschaften.

Während auf den großen Bühnen weiterhin Systeme um Einfluss ringen, Ideologien sich verhärten und politische Lager sich mit wachsender Begeisterung missverstehen, entsteht im Kleinen etwas, das sich erstaunlich schlecht instrumentalisieren lässt.

Gemeinschaft.

Sie passiert einfach. Immer dort, wo das Einzelne nicht mehr ausreicht. Und Gemeinschaft ist dabei keine Gegenbewegung. Sie ist die logische Konsequenz eines Modells, das schlicht an seine Grenzen gestoßen ist.

Ein einzelner Mensch kann viel. Er kann sich organisieren, optimieren, reflektieren, neu erfinden. Die letzten Jahre haben uns allen eindrucksvoll gezeigt, wie weit sich dieses Ideal im schlimmsten Fall treiben lässt. Und wie leise es irgendwann kollabiert. Es gibt nämlich jede Menge Situationen, die sich schlicht nicht allein lösen lassen, egal wie gut man sich selbst im Griff hat. Weil sie einfach nicht für Einzelne gemacht sind. Gemeinschaft ist in vieler Hinsicht das Gegenteil dessen, was wir gelernt haben. Sie ist langsam. Widersprüchlich. Unübersichtlich. Und oft genug unerquicklich.

Sie verlangt Abstimmung, Aushandlung, Geduld, also genau die Dinge, die man sich im Zuge maximaler Selbstbestimmung sehr konsequent abtrainiert hat.

Wer gewohnt ist, alles allein zu entscheiden, erlebt Gemeinschaft plötzlich als Einschränkung. Was sie ja in gewisser Weise auch ist. 

Ein Mensch allein ist leicht zu organisieren. Mehrere Menschen sind es nicht. 

Das macht alles viel komplizierter. Und das Meiste überhaupt erst möglich. Die große Erzählung vom Individuum wird dadurch nicht falsch. Sie verliert nur ihre Exklusivität. Das Ich verschwindet nicht. Es reicht einfach nur nicht mehr.

Und genau an dieser Stelle beginnt etwas, das sich nicht programmieren, nicht skalieren und schon gar nicht kontrollieren lässt. Menschen bleiben wieder. Länger als nötig. Nähern sich an, ohne es zu begründen. Verlassen sich aufeinander, ganz ohne Netz und doppelten Boden.

Sie tragen Dinge gemeinsam, die allein niemand mehr tragen kann.

Oder tragen will. Die Herausforderung liegt dabei nicht darin, Gemeinschaft wiederzuentdecken, sondern einfach nur darin, sie auszuhalten. Das ist die unbequeme Pointe dieser Entwicklung.

Gemeinschaft bedeutet Abhängigkeit.

Und Abhängigkeit war eben lange das, wovon man sich befreien wollte.

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