Jetzt wird's hässlich
Jürgen Nerger – 01. April 2025Es war vermutlich ein Plakat in Berlin. Irgendeine Ausstellung, irgendwo in Mitte. Ein Plattencover oder ein Magazin. Der Titel unleserlich, die Farben zu grell, das Layout ein Vergehen gegen alles, was man an der Hochschule für Gestaltung je als „visuelle Ordnung“ gelernt hatte. Ich blieb stehen. Nicht, weil es schön war. Sondern, weil es das ganz offenbar nicht sein wollte. Und genau das war der Punkt.

Die Ästhetik der Verweigerung.
Wir erleben gerade eine erstaunliche Rückkehr zur gestalterischen Zumutung. Ein bewusster Bruch mit Konventionen, eine Ästhetik der Verweigerung. Designs, die sich gegen das Schöne wenden – nicht aus Unvermögen, sondern aus Überdruss. Es ist, als hätte das visuelle Zeitalter selbst beschlossen, den Stecker zu ziehen: Genug Optimierung. Genug Harmonie. Genug „nice“. Stattdessen:
Lärm. Brüche. Dissonanz. Hässlichkeit.
Und man muss sagen: Sie steht uns besser, als wir dachten. In einer Welt, in der alles gefallen will, ist das Missfallen zur letzten Provokation geworden. Während Logos sich verflachen, Interfaces sich vereinheitlichen und Markenästhetiken sich angleichen wie Gesichter nach zu viel Botox, taucht sie wieder auf: die visuelle Abweichung. Das Grelle, das Schräge, das scheinbar Unpassende. Sie erinnert an etwas, das wir fast vergessen hatten:
Gestaltung kann auch Widerstand sein.
Denn was ist Design anderes als die visuelle Übersetzung gesellschaftlicher Zustände? Und wenn unsere Gegenwart geprägt ist von digitaler Perfektion, künstlicher Intelligenz, algorithmischer Gefälligkeit – ist es dann nicht beinahe folgerichtig, dass sich etwas in uns sträubt? Der Architekt Rem Koolhaas hat einmal geschrieben: „Jede Form von Schönheit wird durch ihre eigene Perfektion irrelevant.“ Die neue Hässlichkeit ist keine Mode. Sie ist ein Reflex.
Ein kultureller Reflex
... auf eine Welt, in der alles zu rund geworden ist. Zu logisch. Zu smart. Zu effizient. Und damit – in letzter Konsequenz – zu entkoppelt vom Menschlichen. Denn das Menschliche ist nie perfekt. Es ist schief. Es ist laut. Es ist widersprüchlich. Hässlichkeit, so verstanden, ist ein Versuch der Wiedereinführung des Störgeräuschs. Ein gestalterischer Kurzschluss, der das System daran erinnert, dass Schönheit keine Pflicht ist – sondern eine Entscheidung. Und dass man sich eben auch dagegen entscheiden kann. Natürlich gibt es Nachahmer. Es gibt sie immer. Agenturen, die die Ästhetik des Kontrollverlusts in Pitchdecks gießen. Marken, die sich bewusst hässlich geben, um auf Instagram aufzufallen – und dabei vor allem ihre eigene Angst vor Bedeutungslosigkeit entlarven. Aber das ist nicht die neue Hässlichkeit.
Das ist die alte Gier – nur in schlechtem Styling.
Die wahre neue Hässlichkeit will nicht gefallen. Sie will auch nicht provozieren. Sie will frei sein – vom Diktat des Schönen, vom Korsett des Corporate Designs, vom Selbstoptimierungswahn unserer Zeit. Und darin liegt ihre Kraft. Denn sie zwingt uns, neu hinzusehen. Und anders zu bewerten. Vielleicht ist es also an der Zeit, unsere Maßstäbe zu überdenken. Nicht alles, was schmerzt, ist falsch. Nicht alles, was schön ist, ist richtig. Und nicht alles, was auf den ersten Blick hässlich wirkt, will uns etwas Böses. Vielleicht ist es sogar das Gegenteil. Vielleicht ruft es uns zu:
Schau genauer hin. Denk anders. Gestalte neu.
Denn das ist es doch, was Gestaltung im besten Fall kann: Nicht gefallen. Sondern verwandeln.