Achtung No. 44 – Beruhigt euch nicht!

by Achtung Mode

€10.00

Achtung ist eine unabhängige, wegweisende Modezeitschrift aus Berlin. Seit 2003 erinnert Achtung daran, was Modejournalismus eigentlich ausmacht: gut geschriebene, oft auch kritische Texte von Leuten, die nach Jahrzehnten in der Mode ein wahres Archiv im Kopf haben und das Gesehene in Kontext setzen können. Hinzu kommt: gute Modefotografie. Kein falscher Glanz, keine schillernde Illusion, stattdessen reichhaltige Geschichten. Mode in Deutschland gleichzeitig als gesellschaftlich relevant anzuerkennen, aber dabei die elegante Leichtigkeit nicht zu verlieren, ist stets der erste Leitgedanke von Achtung.

 

ZWEIHUNDERTSIEBENUNDSECHZIGTAUSEND. Das ist die Zahl, die seit dem 24. Februar 2022 Berlin keine Ruhe lässt. Sie beziffert jene Anzahl an Ukrainer*innen, die seit Beginn des Angriffskrieges der russischen Truppen die Stadt erreicht haben und geblieben sind, schätzungsweise hunderttausend davon offiziell. Hunderttausend Schicksale, hunderttausend Leben, hunderttausend Menschen. Nirgendwo in Deutschland kommen mehr Menschen aus Ukraine an als in Berlin. Nur um sich das einmal vorzustellen, hunderttausend Menschen, das ist so, als ob eine ganze Stadt wie Gütersloh auf einmal nach Berlin ziehen würde. Zu behaupten, dass dieser Krieg die bundesdeutsche Hauptstadt also nicht in irgendeiner Form betrifft, vielleicht sogar verändern wird, wäre mehr als untertrieben.

Es braucht diesen zugegeben zahlenintensiven Einstieg, um zu erklären, warum wir uns in der vorliegenden Ausgabe jener Stadt und den Citizens of Ukraine widmen, für die Berlin zur neuen Heimat geworden ist. ACHTUNG ist kein Gesellschaftsmagazin und bei Weitem kein Politikmagazin, aber ein Magazin, das aus Berlin gemacht wird. Einer Stadt, die wie keine andere in Europa für die Teilung zwischen Ost und West, aber auch das Ende des Kalten Krieges und die Überwindung von Grenzen steht und gerade so etwas wie einen geschichtlichen Flashback erlebt. Der Krieg ist zurück in Europa und funktioniert nach altem Muster.

Mit der in Berlin gelandeten ukrainischen Community diese Ausgabe zu gestalten, dabei hat uns das ukrainische Model Kateryna Zub geholfen, die wir bei unserer Produktion für die FAZMagazin-Titelgeschichte im April 2022 trafen. Nach und nach hat Kateryna Freund*innen, Bekannte zum Casting in unser Office in Berlin-Mitte geschickt. So sind wir auch auf die ukrainische Fotografin Ania Brudna gestoßen, welche den Auftakt und Abschluss zu unser Citizens of Ukraine-Strecke fotografiert hat. Sie alle haben wir porträtiert mit ihrer tiefen Traurigkeit, Anflügen dunklen Humors, Erinnerungen an eine sicherere, glücklichere Vergangenheit und einem stählernen Nationalstolz, fotografiert in ihren neuen Lebenswelten und an den Mahnmalen dieser Stadt, die wie keine anderen die längst überwunden gedachte Spaltung zwischen Ost und West symbolisieren. Entlang der Berliner Mauer, an den ehemaligen Grenzübergängen Bornholmer Brücke, Dreilinden und Checkpoint Charlie. Und an jenem Ort, an dem in den ersten Kriegsmonaten täglich zehntausend Menschen aus Ukraine ankamen, dem Berliner Hauptbahnhof.

Da passt es, dass Julie Poly, langjährige ACHTUNG-Freundin, Fotografin und unsere Made in Ukraine-Protagonistin, eigentlich hätte Zugbegleiterin werden sollen. Ihre Leidenschaft für ukrainische Züge ist ihr trotz Fotografie geblieben. Die Züge in Ukraine, die sie ihrem Bildband Ukrzaliznytsia dokumentierte, seien wie ein Mikrokosmos der ukrainischen Gesellschaft sagt sie, außen wie eine einfache Eisenkonstruktion, aber in ihrem Inneren voller Leben. Geflüchtet ist Julie vor 132 Tagen mit ihrem Mann, ihrer Mutter und ihrem Hund nach München. Vor 41 Tagen hat sie eine kleine Tochter zur Welt gebracht.

Der Krieg verändert nicht nur Lebenswege, der Krieg verändert alles, auch die Sprache. Er fordert eine Sprache, die in klaren Schwarz-Weiß-Unterscheidungen arbeitet. Auch hieran hat unser russischer und in New York lebender Art Director, Anton Ioukhnovets, diese Ausgabe ästhetisch angepasst. Suhrkamp-Autorin Juliane Liebert hat dem Layout noch dazu ein wenig Lyrik geschenkt, in deren Zeilen Wut und Hoffnung besonders prägnant zur Geltung kommen: In Schwarz-Weiß und zwischen zwei Stationen, sind sie allesamt Schlachtrufe des Widerstands, Wortfetzen, wie man sie sich am Bahnhof im Strom der sich aneinander vorbeischiebenden Menschen gerade noch zurufen kann. Der Krieg ist noch nicht zu Ende. Er hat gerade erst begonnen. BERUHIGT EUCH NICHT!